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Unsere Forderungen für Hamburg

Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen achtsam wahrnehmen und kraftvoll unterstützen!

In Hamburg leben über 35.000 Menschen mit einer demenziellen Erkrankung. Das bedeutet, dass ein ganzer Stadtteil von der Größe wie etwa Bahrenfeld oder Langenhorn, betroffen ist.
Schon allein die hohe Zahl der Betroffenen macht deutlich, dass das Thema „Leben mit Demenz“ weit oben auf die Tagesordnung der politischen Agenda in Hamburg gehören muss.
Bei der letzten Bürgerschaftswahl im Februar 2020 war leider – wie schon bei der letzten Wahl – in keinem Wahlprogramm der politischen Parteien unmittelbar etwas zum Thema Demenz finden.
Nach der Wahl hat sich der Senat konstituiert. Dabei kam es zur Auflösung der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz.
Die Menschen und ihre Themen, die wir in besonderer Weise im Blick haben, sind nun in drei Fachbehörden angesiedelt. Das Thema Senioren in der Behörde für Wissenschaft, das Thema Pflege in der Behörde für Soziales und das Betreuungsrecht in der Behörde für Justiz.
Wir befürchten, dass es dadurch zu Doppelstrukturen oder/und Reibungsverlusten kommen wird. Umso wichtiger wäre aus unserer Sicht, dass im Fachreferat Pflege eine „Kompetenzkomission Demenz“ eingerichtet wird, um die vielen Themen zu bündeln und sie gemeinsam mit der Koordinatorin der Landesinitiative „Leben mit Demenz“, Susanne Kohler und uns und weiteren Trägern voranzutreiben und so auch für die Bürgerinnen und Bürger eine behördliche Anlaufstelle zu gewährleisten.
Es wird auch wichtig sein, die Konsequenzen aus der soeben (1. Juli 2020) vom Bundeskabinett verabschiedeten „Nationalen Demenzstrategie“ im Blick auf unsere Hamburger Situation zu ziehen.
Wir sehen darüber hinaus, dass der Senat die Schnittstellen zwischen der Stadt und den Bezirken stärken möchte. In der Vergangenheit hat diese Koordination nach unserer Wahrnehmung nicht immer reibungslos funktioniert. Initiativen der Stadt konnten in den Bezirken leider oft nicht wie gehofft realisiert werden.
Wir werden die Arbeit des Senats weiterhin aufmerksam und kritisch begleiten – und bieten jederzeit unsere Kooperation an.
Wir können auf eine gute Zusammenarbeit mit der bisherigen Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz zurückblicken.
Wir sind dankbar für die Förderungen aus Mitteln der öffentlichen Hand, inzwischen ist es jedoch so, dass wir etwa 60% unseres Etats selber erwirtschaften oder durch Spenden aquirieren müssen. Vor wenigen Jahren waren es noch 50%. Keines unserer Angebote ist auskömmlich ausfinanziert.
Wir, die Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V., sind seit 1994 d i e Selbsthilfeorganisation im Themenfeld der Demenz.
In den persönlichen Beratungen am Alzheimer Telefon oder in unserer Geschäftsstelle oder unseren Gesprächsgruppen für Angehörige im Stadtgebiet werden uns gegenüber insbesondere die nachfolgenden Punkte immer wieder mit Nachdruck benannt, die aus unserer Sicht einer dringenden Bearbeitung in dieser Stadt bedürfen:

Menschen mit Demenz in der eigenen Häuslichkeit

Etwa 2/3 der Menschen mit Demenz leben in der eigenen Häuslichkeit. Die Begleitung wird von ebenfalls allermeist höherbetagten Angehörigen geleistet. Angebote zur Entlastung von Angehörigen müssen darum ausgeweitet werden. Ehrenamtliche Besuchsdienste sind wertvolle Hilfen, brauchen aber eine umsichtige Koordination, die auch Fortbildungen und Beratung mit in den Blick nehmen kann. Dafür braucht es auskömmliche finanzielle Mittel bei den Trägern dieser Angebote.

Menschen mit Demenz im Krankenhaus

Die Versorgung von Menschen mit Demenz in allgemeinen Krankenhaus-abteilungen ist seit Jahren unzureichend und überaus belastend für die Erkrankten und ihre Angehörigen. Die Mitarbeitenden sind leider immer noch nicht überall ausreichend sensibilisiert und vertraut mit der Demenz. Es kommt darum täglich zu prekären Versorgungssituationen.
Das beginnt schon in der Notaufnahme, wenn Menschen mit der Begleitdiagnose Demenz eingeliefert werden und aus krankenhausinternen Gründen isoliert – ohne ihre vertraute Begleitperson – warten müssen. Ein kleiner blauer Punkt auf der Akte könnte allen Beteiligten signalisieren, dass hier neben einer somatischen Erkrankung auch eine Demenz vorliegt und andere Räumlichkeiten für lange Wartezeiten angeboten werden können, in denen auch die Begleitung durch den Angehörigen möglich ist.
Im Rahmen der Landesinitiative Leben mit Demenz in Hamburg wurden Empfehlungen für Krankenhäuser erarbeitet. Erforderlich ist eine verbindliche und nachhaltige Arbeitsstruktur mit professioneller Begleitung für die Implementierung der Empfehlungen. Da, wo sie umgesetzt wurden und z.B. eine Demenzbeauftragte eingesetzt ist, profitiert das gesamte Krankenhaussystem davon.

Menschen mit Demenz in stationären Wohneinrichtungen

Über 70 % der Bewohnerinnen und Bewohner in stationären Wohneinrichtungen sind von einer demenziellen Veränderung betroffen. Die Pflege und Betreuungssituation ist trotz gewachsenem Praxiswissen weiterhin in vielen Häusern nicht nur durch den weithin bekannten Mangel an Pflegefachkräften, sondern auch aufgrund fehlender Kompetenzen oft unzureichend.
Hier gilt es sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Lebenssituation demenzerkrankter Bewohner durch mehr Zeit der Mitarbeiter zu verbessern. Gefordert sind ein drastischer Abbau der Bürokratie (Pflegedokumentation, MDK-Prüfungen etc.), eine bessere Vergütung von Pflegemitarbeitern und die Gewinnung von Nachwuchs für die attraktiver zu gestaltenden Berufe in der Pflege.
Hierbei kommt aus unserer Sicht in Zukunft der Multiprofessionalität eine große Bedeutung zu. Die Betreuungsmitarbeitenden und die Pflegenden arbeiten oft nebeneinander her, anstatt sich in sinnvoller Weise zu ergänzen und als Gesamt-Team zu verstehen. An der Biographie der Bewohnenden orientierte Arbeit lässt sich sinnvoll aber nur von allen gemeinsam geleistet denken.
Unserer Erfahrung nach bewähren sich insgesamt kleinere Einheiten, wie sie u.a. auch in den Wohn-Pflege-Gemeinschaften umgesetzt sind.
Während in den letzten Jahren eine erfreuliche Entwicklung bei den Tagespflegen zu beobachten ist (allerdings mit der Einschränkung, dass Angebote für jüngere Erkrankte kaum existieren), bleibt das Thema Kurzzeitpflege herausfordernd. Hier braucht es wohnortnahe Plätze in den sieben Hamburger Bezirken.
Nicht zuletzt die Erfahrungen mit der Corona Pandemie haben darüber hinaus deutlich gemacht, dass es für Tagespflegeangebote eine verlässliche Regelung der Notfallbetreuung braucht.

Menschen mit Demenz in jüngerem Lebensalter

Im Vergleich zu früheren Jahren melden sich inzwischen sehr häufig Menschen bei uns, die relativ jung, zwischen 40 und 60 Jahren, von einer Demenz betroffen sind. Dies schließt auch Menschen mit einer frontotemporalen Demenz ein. Hier ist nicht nur die familiäre und wirtschaftliche Situation besonders belastend, sondern es mangelt auch an Begleit- und Betreuungsangeboten.
Wir sehen, dass es für diese Personengruppe eine engmaschigere Begleitung im Sinne eines „Case- und Care-Managements“ braucht.
Die Benefizaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ des NDR hat möglich gemacht, dass wir hier ein bundesweit wohl einmaliges Modellprojekt initiieren konnten, das nach Ausschöpfen unserer Mittel Verstetigung – und damit auch finanzielle Ressourcen – braucht.
Was für Menschen am Beginn der Demenz ebenso in der Fläche noch fehlt sind Tagespflegeangebote, Gruppenangebote ganz allgemeiner Art und an vielen Punkten des gesellschaftlichen Lebens die Ermöglichung von Teilhabe.

Allgemein- und fachärztliche Versorgung

Immer wieder werden lange Wartezeiten bis zur Untersuchung durch Fachärztinnen und Fachärzte beklagt. Regelmäßig erreichen uns Rückmeldungen von Angehörigen, dass es vielen Hausärztinnen und Hausärzten an Kompetenzen in der Diagnostik, bei der Vermittlung der Diagnose und Kenntnisse möglicher Hilfsangebote in der Stadt fehlt.
Die Arbeitsgruppe „Kompetenz-Kette-Demenz“ der Landesinitiative Leben mit Demenz in Hamburg hat die Problematik einer effektiven Überleitung von Menschen mit Demenz aufgegriffen. Ähnlich wie beim Thema „Krankenhaus“ bedarf es für eine nachhaltige Implementierung aus unserer Sicht einer verbindlichen Arbeitsstruktur mit professioneller Begleitung, um Schnittstellenprobleme sachlich anzusprechen und ergebnisorientiert konstruktiv zu bearbeiten.

Auf dem Weg zur „Freien und demenzfreundlichen Hansestadt Hamburg“

Für viele Menschen ist die Diagnose Demenz weiterhin mit Angst und Scham verbunden. Häufig kommt es zum Rückzug und das eigene Leben wird in Frage gestellt. Um offen mit der Krankheit umzugehen und eine positive Lebensperspektive zu entwickeln, muss es nicht nur Unterstützungs- und Entlastungsangebote geben, sondern bedarf es zusätzlich einer gesamtgesellschaftlichen Sensibilität und Kompetenz im Umgang mit Menschen mit Demenz und deren Angehörigen.
Menschen mit Demenz und Menschen, die sie begleiten, stehen in vielen Situationen im öffentlichen Raum noch immer vor großen Herausforderungen: In der U-Bahn, im Einkaufszentrum, bei Behörden und in Arztpraxen. Mitarbeiterschulungen, Informationen und Öffentlichkeitsarbeit sind mögliche Wege, Schwellen abzubauen und mehr Teilhabe von Menschen mit Demenz am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.
Aus unserer Sicht ist das Thema Demenz in einer Metropolregion wie Hamburg fach- und behördenübergreifend zu bearbeiten – wobei die Fäden in einem Fachreferat oder einer „Kompetenzkomission Demenz“ in der Behörde für Soziales in Kooperation mit der Koordinatorin der Landesinitiative „Leben mit Demenz in Hamburg“, Susanne Kohler und uns, sowie anderen Trägern zusammenlaufen sollten.

Wir verweisen auch hier noch einmal auf die verschiedenen Papiere, die die Freie und Hansestadt Hamburg, ebenso wie alle anderen Bundesländer, unterzeichnet hat wie zum Beispiel die „Nationale Demenzstrategie“.
Damit hat sich die Stadt Hamburg verpflichtet, in den unterschiedlichsten Fachbehörden Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen besonders in den Blick zu nehmen und für die Verbesserung der Lebensqualität zu arbeiten.
Neben den schon genannten Themen seien hier stellvertretend genannt: Mobilität (wie erreichen Menschen mit Demenz die Angebote), Quartiersentwicklung (wie muss ein Quartier beschaffen sein, damit Menschen mit Demenz möglichst lange selbstbestimmt in ihm leben können), Kultursensibilität (wie wird das Hilfesystem Menschen mit Migrationshintergrund zugänglich gemacht), wie wird das Ehrenamt weiterentwickelt, ohne Überforderung (Projekt Demenzpartner), …

Wir Hamburgerinnen und Hamburger lassen niemanden zurück. Menschen mit Demenz leben in unserer Mitte. Und wir alle sind aufgefordert, an einer „Freien und Demenzsensiblen Hansestadt Hamburg“ mitzuwirken.

Stand 07.2020