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Curry- statt Bratwurst: Rathausmarktgespräch mit Dr. Axel Wollmer

Ist Alzheimer vermeidbar? Medizin und Menschen sehnen sich gleichermaßen danach, diese Frage mit „Ja!“ zu beantworten – und scheitern doch weiterhin daran. Gibt es denn überhaupt einen optimistischen Ansatz in der Forschung? Wie lassen sich immer wieder auftretende Einzelmeldungen über wirksame Mittel einordnen? Was scheint unabhängig von Medikamenten für die Risikominderung einer Demenzerkrankung hilfreich zu sein?

Keine einfachen Themen für das Rathausmarktgespräch am 27. Oktober. Seit zwei Jahren wird diese Mischung aus Vortrag und Tischgespräch von der Sutor Bank schon veranstaltet, und das mit großem Erfolg: Aus den unterschiedlichen Fragestellungen und Begegnungen zwischen Stiftungen und Privatpersonen entwickeln sich immer neue kreative Impulse. Und da Demenz vor keinem Berufsstand und keiner Gesellschaftsschicht Halt macht, war die Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. ein naheliegender Vortragsgast.

Dr. Axel Wollmer stellte sich dem interessierten Publikum. Er ist Chefarzt der Gerontopsychiatrie in der Asklepios Klinik Nord und langjähriges Vorstandsmitglied der Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. Mit seinem Vortrag „…Ist Alzheimer vermeidbar?“ wagte er den Spagat zwischen vorsichtigem Optimismus und nüchterner Realität.

Kein leichter Job – bei kaum einem medizinischen Feld herrscht eine solch große Erwartungshaltung nach schnellen Antworten. Doch die gibt es in dem komplexen Bereich nicht. Dr. Wollmer beginnt seinen Vortrag zunächst mit einer Begriffsdiskussion: Was meinen wir eigentlich mit Demenz? Dabei fällt auf, dass wir umgangssprachlich schnell das Etikett „Alzheimer“ vergeben. Dieses schmeißen wir dann gerne in einen Topf mit Begriffen wie „senil“ und „verkalkt“. Die Art, wie wir über Demenz sprechen, ist also in erster Linie uninformiert – mit gravierenden Folgen für das Bild, das wir uns machen: Wir befeuern damit Mythen, nach denen Alzheimer unaufhaltsam und immer häufiger werde, es die Krankheit unserer Zeit sei und die Gründe in unserer modernen Lebensführung liegen. Diese Aussagen quittiert Dr. Wollmer mit einem klaren Nein – und vertreibt damit das erste Schreckgespenst des Abends. Das Auftreten von Alzheimer verdanken wir demnach nicht unserer Art zu leben, sondern vielmehr dem demographischen Wandel. Und auch hier gibt es einen positiven Trend: Dafür, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, gibt es rückläufige Zahlen bei den Demenzen.

Zusammen mit Dr. Wollmer werfen wir anschließend einen Blick auf die aktuelle Arbeit der Forscher. Im Fokus stehen neben der Rolle der Gene vor allem die Verarbeitung von Zucker und Entzündungsprozesse im Körper, was gleich zur nächsten konkreten Empfehlung führt: Eine gesunde Lebensführung. Und da wir alle diese Liste nur allzu gut kennen – viel Bewegung, mediterrane Ernährung, ausreichend Schlaf und soziale Aktivität – spitzt es Dr. Wollmer zu und empfiehlt statt der typischen Bratwurst öfter man zur Currywurst zu greifen: Die im Currygewürz enthaltene Gelbwurzel wirkt nämlich entzündungshemmend, was wiederum weniger Raum für die Entwicklung einer Demenz lässt. Alzheimer lässt sich so zwar nicht vermeiden, doch immerhin bekommt man ein gutes Gefühl an der Imbissbude – und das kann ja auch viel wert sein.

Dr. Wollmer navigiert in seinem Vortrag geschickt durch das Dickicht der Uninformiertheit und Angst. Demenz bekommt bei ihm eine Zeitachse: Er zeigt, dass zwischen der pathologischen Prozessen im Gehirn (Verlust von Nervenzellen durch krankhafte Ablagerungen) und der Klinik (den Symptomen) bis zu dreißig Jahre liegen können. Diese ersten, symptomfreien Anzeichen können heutzutage mit Laboruruntersuchungen und bildgebenden Verfahren frühzeitig festgestellt werden. In der Behandlung der Ablagerungen bzw. der Vermeidung ihres Eintretens liegt vermutlich auch der Schlüssel für eine zukünftige Behandlung: Insbesondere die Prävention scheint in diesem Zusammenhang eine vielversprechende Losung der Zukunft sein. Diese Entwicklung hat nichts Sensationelles, aber sie bringt Schritt für Schritt Licht ins Dunkel der Demenz.

Im anschließenden Tischgespräch wird nochmal der Wunsch deutlich, einfache Antworten zu bekommen. Fragen wie „Kann ich einmal im Jahr eine Diät machen, die die Ablagerungen im Gehirn beseitigt?“ lassen die Hoffnung erkennen, sich nicht machtlos fühlen zu müssen. Das Schreckgespenst Alzheimer winkt dabei fröhlich zum Fenster herein. Dr. Wollmer beweist hier ein großes Talent zum Seiltänzer: Klare Ansagen auf dem Boden der Tatsachen wechseln sich ab mit einer guten Portion Optimismus, in ein paar Jahren schon mehr zu wissen. Insofern ist das wohl die Antwort auf die Titelfrage „…Ist Alzheimer vermeidbar?“: Nein, ist es nicht. Wer aber seinen individuellen Risikofaktor kennt, der kann die Entwicklung beeinflussen. Und in Zukunft vielleicht auch dem Schreckgespenst ein Schnippchen schlagen.

Wir danken der Sutor Bank für die Organisation des Rathausmarktgespräches. Es war ein anregender und interessanter Austausch in einem beeindruckenden Ambiente. Wir freuen uns auf eine Wiederholung – dann mit neuen Erkenntnissen!

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Online seit 04. November 2016