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Heilung gibt's nicht, aber Hilfe

Alzheimer: Die richtigen Medikamente und Verhaltensweisen. Vor 100 Jahren beschrieb Alois Alzheimer erstmals diese Krankheit. Schafft es die Medizin, das Leiden aufzuhalten?

"Ich habe mich sozusagen selbst verloren" - so beschrieb Auguste Deter vor 100 Jahren ihre zunehmende Orientierungslosigkeit gegenüber einem jungen Psychiater in der Städtischen Frankfurter Irrenanstalt. Anhand der Krankengeschichte seiner 51 Jahre alten Patientin beschrieb er erstmals diese Form der Demenzerkrankung - und ging damit in die Medizingeschichte ein. Sein Name war Alois Alzheimer.

Die Alzheimerkrankheit, damals von der Fachwelt kaum zur Kenntnis genommen, ist heute in aller Munde - auch weil immer mehr Menschen immer älter werden. "Denn das Risiko, an dieser Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter. Heute leiden in Deutschland eine Million Menschen an . In zehn bis zwanzig Jahren werden es doppelt so viele sein", sagt Dr. Claus Wächtler, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie in der Asklepios-Klinik Nord.

Aber auch wenn die Krankheit heute viel bekannter ist als noch vor einigen Jahrzehnten, dauert es noch zwei bis drei Jahre nach dem Auftreten der ersten Anzeichen, bis die Diagnose gestellt werden kann.

Denn die Symptome entwickeln sich schleichend. Eine leichte Verwirrtheit und ein nachlassendes Gedächtnis werden oft von den Kranken und ihren Angehörigen als normale Begleiterscheinungen des Alters abgetan.

"Aber Gedächtnisstörungen, die innerhalb von drei bis sechs Monaten deutlich zunehmen, sind das Hauptsymptom der Erkrankung. Die Betroffenen vergessen Namen, finden im Gespräch nicht die passenden Worte und haben Schwierigkeiten, sich in fremder Umgebung zurechtzufinden", erklärt Wächtler. Auch die Persönlichkeit der Kranken verändert sich: Sie werden ungeduldig, reizbar, misstrauisch, ängstlich oder auch depressiv.

Wer bei sich oder einem Angehörigen solche Symptome feststellt, sollte sich nicht scheuen, professionelle Hilfe eines Arztes oder einer Beratungsstelle in Anspruch zu nehmen. Zwar gibt es auch 100 Jahre nach Entdeckung der Krankheit noch keine Heilungsmöglichkeit. "Aber wir haben mittlerweile Medikamente, sogenannte Antidementiva, die bei 30 bis 50 Prozent der Patienten den Krankheitsverlauf für ein bis zwei Jahre deutlich bremsen können", so Wächtler. Günstigen Einfluss auf die Krankheit haben auch bestimmte psychosoziale Maßnahmen, kombiniert mit körperlicher Bewegung. "Wichtig ist die geistige Aktivität, das Nachdenken über das, was um einen herum geschieht, und das Gespräch darüber mit anderen Menschen", betont der Psychiater und nennt als Beispiel das Gespräch zwischen Ehepartnern über ein Theaterstück, das sie vorher zusammen angeschaut haben. Wichtig ist auch, dass der Kranke möglichst viel im Alltag selbst macht und sich regelmäßig bewegt, zum Beispiel jeden Tag spazieren geht. "Besonders zu empfehlen ist das Tanzen, weil es gleichzeitig Gedächtnisleistungen und körperliche Aktivität erfordert und dadurch einen besonders guten Effekt hat", sagt Wächtler.

Aber auch wenn solche Maßnahmen die Krankheit zumindest für einige Zeit erträglicher machen können, so bleibt sie doch für Patienten und ihre Angehörigen eine große Last. Das gilt besonders für das Anfangsstadium, wenn die Patienten noch schmerzlich wahrnehmen, wie ihre Fähigkeiten immer mehr nachlasssen. Das verlangt viel Geduld. "Deswegen sollte die Diagnose früh gestellt werden, damit auch Angehörige Verhaltensweisen der Patienten besser verstehen können", betont Wächtler.

Alzheimerkranke leben zunehmend in einer anderen Welt - und ihre Pflege verlangt von Angehörigen und Pflegekräften viel Einfühlungsvermögen. "Das Ziel muss sein, dass Betroffene trotz ihrer Krankheit zufrieden sind. Doch je mehr die Patienten kritisiert werden, umso unzufriedener werden sie", sagt Wächtler und nennt als Beispiel eine 90-Jährige, die nach ihrer Mutter ruft. "Wir könnten ihr sagen: ,Die Mutter ist längst tot.' Dann ist sie sehr traurig, hat es fünf Minuten später vergessen und ruft wieder nach ihrer Mutter. Die bessere Art, damit umzugehen, ist, auf die Botschaft zu hören, die in dem Ruf nach der Mutter steckt. Wahrscheinlich braucht die Patientin etwas Geborgenheit. Wenn man sie in den Arm nimmt statt sie zu korrigieren, führt das oft zu Entspannung und Linderung von Unruhe."

Für die bessere Therapie der Krankheit setzt Wächtler auf die Zukunft: "Zurzeit wird ein Impfstoff entwickelt, der die Eiweißablagerungen im Gehirn, die für die Krankheit verantwortlich sind, beseitigt und ihre Neubildung verhindert. Es wird aber noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern, bis ein solcher Impfstoff zugelassen ist." Weitere Medikamente, ebenfalls noch in der Entwicklung, sollen zwei Enzyme im Gehirn blockieren, die an der Bildung der krank machenden Eiweißablagerungen beteiligt sind.

Solange es keine Heilung gibt, bleibt der wichtigste Schutz die Vorbeugung, Risikofaktoren möglichst zu meiden oder gut medikamentös einzustellen. Körperliche Risikofaktoren sind Bewegungsmangel, Übergewicht, Hirnschädigungen aufgrund eines hohen Alkoholkonsums oder einer Schädel-Hirn-Verletzung, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes.

Und das Gehirn muss auch im Alter beschäftigt werden: "Wer immer nur seine Ruhe haben will und geistig wenig aktiv ist, ist mehr gefährdet als derjenige, der in regem Kontakt mit seinen Mitmenschen steht", sagt Wächtler. "Die beste Vorbeugung ist ein lustvolles, maßvolles, gesundes Leben. Wer jeden Abend ein Gläschen Wein trinkt und es genießt, scheint gegen die Krankheit besser gefeit zu sein. Bei mehr als ein bis zwei Gläsern verkehrt sich dieser Effekt allerdings ins Gegenteil", sagt Wächtler.

Cornelia Werner

Quelle: Hamburger Abendblatt vom 11.09.2006

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