Demenz häufiger vor dem 65. Lebensjahr festgestellt
Gerade am Beginn der Erkrankung ist es wichtig, das Selbstbewusstsein der Betroffenen zu stärken. Das Abendblatt sprach mit Maren Niebuhr-Rose über Soforthilfen nach der Diagnose.

Malen kann das Selbstbewusstsein stärken - Mitglieder einer Malgruppe bei der Alzheimer-Gesellschaft Hamburg zeigen ihre Bilder.
Foto: Marcelo Hernandez
Heute ist Welt-Alzheimertag. In Hamburg sind mehr als 23 000 Menschen an einer Demenz erkrankt, etwa 60 Prozent davon an der Alzheimer-Demenz. Zunehmend sind auch jüngere Menschen von dem langsamen Verlust des Gedächtnisses betroffen. Maren Niebuhr-Rose von der Alzheimer-Gesellschaft leitet in Hamburg das Projekt für Menschen mit Demenz im frühen Stadium.
Hamburger Abendblatt:
Gibt es Erkenntnisse darüber, dass die Erkrankten immer jünger werden?
Maren Niebuhr-Rose:
Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft geht davon aus, dass drei Prozent der Betroffenen vor dem 65. Lebensjahr erkranken. Ob die Erkrankung heute immer früher ausbricht, lässt sich nicht sagen. Feststellbar ist jedoch, dass die Diagnose vor dem 65. Lebensjahr inzwischen häufiger gestellt wird. Gründe hierfür sind zum einen die besseren Diagnostikmöglichkeiten und zum anderen die höhere Sensibilität in der Bevölkerung für die Erkrankung, was auch dazu führt, dass betroffene Menschen sich früher ärztliche Hilfe suchen.
Hamburger Abendblatt:
Was sind die ersten Anzeichen für eine Erkrankung?
Maren Niebuhr-Rose:
Bei der Alzheimer-Erkrankung ist häufig zunächst das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Weitere Merkmale sind Wortfindungsstörungen und die zunehmende Schwierigkeit, sich in ungewohnter Umgebung zurechtzufinden. Vielen Angehörigen fallen deshalb auch oft während des Urlaubes die Schwierigkeiten besonders deutlich auf: Nicht selten passiert es im Urlaub das erste Mal, dass sich Betroffene verlaufen und den Rückweg nicht finden.
Hamburger Abendblatt:
Was sind die Ursachen der Erkrankung?
Maren Niebuhr-Rose:
Auch mehr als 100 Jahre nach Entdeckung der Krankheit durch Alois Alzheimer sind die Ursachen nicht genau bekannt. Fest steht, dass sich an den Nervenzellen krankhafte Eiweißbruchstücke, sogenannte Amyloide, ablagern. Dies führt dazu, dass die Kommunikation zwischen den Nervenzellen gestört wird und somit die Hirnleistungen beeinträchtigt werden. Im weiteren Verlauf sterben immer mehr Gehirnzellen ab. Trotz enormer Anstrengungen der Wissenschaft ist eine Heilung weiterhin nicht möglich. Es ist aber möglich, den Verlauf der Erkrankung durch Medikamente zu verzögern und das Wohlbefinden der Erkrankten durch die Gestaltung der Umgebung positiv zu beeinflussen.
Hamburger Abendblatt:
Wie gehen Betroffene mit der Diagnose Alzheimer um?
Maren Niebuhr-Rose:
Natürlich ist die Diagnose für viele Betroffene und ihre Angehörigen zunächst einmal ein Schock und es stellen sich viele Fragen: Wie geht es jetzt weiter? Was können wir tun, um die Situation möglichst lange zu stabilisieren? Welche Vorsorgemaßnahmen müssen getroffen werden? Wer kann uns unterstützen? Häufig ist es so, dass die Diagnose auch ein Stück Erleichterung mit sich bringt, endlich Klarheit zu haben und sich jetzt mit dem Krankheitsbild auseinandersetzen zu können. Vielen Angehörigen fällt es dann leichter, Geduld und Verständnis für die Schwierigkeiten des erkrankten Angehörigen aufzubringen.
Hamburger Abendblatt:
Welche Angebote für Früherkrankte macht die Alzheimer-Gesellschaft Hamburg?
Maren Niebuhr-Rose:
Wir bieten allen Betroffenen und ihren Angehörigen persönliche Beratungsgespräche an, in denen wir überlegen, welche Unterstützungsangebote am hilfreichsten sein könnten. Neben den Informationen zum Krankheitsbild und Angehörigenschulungen gibt es viele konkrete Angebote: Dank einer finanziellen Förderung durch die G.-und-L.-Powalla-Bunny's-Stiftung haben wir mehrere Gruppen, in denen sich Menschen treffen, die im frühen Stadium einer Demenz erkrankt sind. Diese Gruppentreffen bieten den Teilnehmern die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch. Wir vermitteln auch ehrenamtliche Helfer und organisieren Urlaubsreisen für Früherkrankte und ihre Angehörigen.
Hamburger Abendblatt:
Warum ist es so wichtig, Betroffenen im Anfangsstadium Angebote zu machen?
Maren Niebuhr-Rose:
Im Anfangsstadium nehmen die meisten Erkrankten sehr bewusst wahr, wie ihre geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. In letzter Zeit wenden sich verstärkt jüngere Erkrankte an uns, die zwischen 55 und 65 Jahren alt sind und noch kurz zuvor im Berufsleben gestanden haben. Sie suchen einen Weg, mit den Einschränkungen umgehen zu können, um weiter aktiv am Leben teilnehmen zu können. Wir wollen der sozialen Isolation frühzeitig entgegenwirken, indem wir Gruppentreffen organisieren für Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lebenssituation befinden. Die Begegnungen mit anderen Betroffenen signalisieren: Du bist nicht allein. "Gemeinsam sind wir stark", sagte neulich ein Betroffener. Gerade am Anfang einer Erkrankung wollen wir sie darin unterstützen, wieder an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, das angeschlagene Selbstbewusstsein zu stärken oder auch neue Interessen anregen. So hat sich beispielsweise durch die Initiative eines Teilnehmers aus den Gruppentreffen eine zusätzliche Malgruppe entwickelt. Für alle ist das gemeinsame Malen eine neue und sehr wertvolle Erfahrung, die jedem zusätzlich Selbstbewusstsein verschafft hat. Die Bilder der Alzheimer-Malgruppe werden jetzt unter dem Motto "Auch unsere Welt ist bunt" in den Räumen der Alzheimer-Gesellschaft ausgestellt.
Hamburger Abendblatt:
Kann man durch Übungen die Erkrankung verlangsamen?
Maren Niebuhr-Rose:
Ja, in den letzten Jahren deuten Studien daraufhin. Die Alzheimer-Erkrankung kann zwar nicht aufgehalten werden, aber sie kann durch verschiedene Maßnahmen in ihrem Verlauf verlangsamt werden. Wichtig ist, dass die Erkrankten sich bei solchen Angeboten wohlfühlen und nicht überfordert werden. Sie dürfen keinem Leistungsdruck ausgesetzt werden und die Übungen müssen Erfolgserlebnisse vermitteln. Idealerweise kombiniert ein Angebot die geistige Aktivierung mit sozialen Kontakten und körperlicher Bewegung.
Jan Haarmeyer
Quelle: Hamburger Abendblatt vom 21.09.2009
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